Wasser, eine lebendige Ressource, die mehr Autonomie verdient

Flüsse sind nicht nur Ressourcen, die kontrolliert und genutzt werden müssen. Sie sind lebendig und beweglich. Sie brauchen einen Wandel in der Einstellung und mehr Autonomie. Das ist die Botschaft, die Charlène Descollonges, Ingenieurin und Hydrologin, auf der BlueArk-Konferenz im November 2025 vermittelt hat. Um diesen Wandel in der Sichtweise zu veranschaulichen, schlägt sie einen überraschenden Verbündeten vor: den Biber, diesen Architekten der Flüsse, dessen Arbeit einen neuen Ansatz für das Wassermanagement inspirieren könnte.

„Grünes Wasser ist Regenwasser, das in den ersten Metern des Bodens versickert”, erklärt Charlène Descollonges. Dieses Wasser, das zwei Drittel der Niederschläge auf dem Kontinent ausmacht, wird in öffentlichen Debatten kaum erwähnt, obwohl es insbesondere für die Landwirtschaft von entscheidender Bedeutung ist.

Dieses grüne Wasser ist eng mit dem Leben verbunden. Vor 400 Millionen Jahren, bevor es Vegetation gab, existierte nur blaues Wasser. Sobald sich Pflanzen entwickelten, entstanden die Prozesse des grünen Wassers. Heute beeinflussen Regenwürmer die Versickerung, während die Spaltöffnungen der Pflanzen die Evapotranspiration ermöglichen.

Hydrosysteme unter Druck

Hydrosysteme sind komplexe Gebilde, die mit der Hydrologie, der Hydrogeologie und den lebenden Arten verbunden sind. Bei Hochwasser speisen Flüsse das Grundwasser, bei Niedrigwasser ist es umgekehrt. Diese Systeme entwickeln sich auf natürliche Weise mit Sedimenten und Totholz. „Dank des Holzes kommt es zur Ansammlung von Sedimenten und zur Entwicklung von Lebensgemeinschaften“, erklärt Charlène Descollonges.

Aber menschliche Aktivitäten üben einen erheblichen Druck aus: künstliche Speicher, Verschmutzung, Entnahmen und Verbrauch, intensive Bodennutzung. Getreidemonokulturen verändern den Verlauf der Regentropfen, die nicht mehr versickern können. Feuchtgebiete werden urbanisiert, was zu Abfluss statt Versickerung führt. Die Durchflussmengen der Flüsse werden durch Wasserkraftwerke gestört. „Das gab es schon vor dem Klimawandel. Dieser hat den Druck lediglich verstärkt.“

Eine Zukunft, die Fragen aufwirft

In Frankreich ist weniger als ein Drittel der Oberflächengewässer in gutem Zustand. Die traditionelle Renaturierung von Fliessgewässern kostet bis zu 2 Millionen Euro pro Kilometer, wobei die Auswirkungen noch kaum quantifiziert sind. Zwischen 2022 und 2027 sind Investitionen in Höhe von 4,2 Milliarden Euro für die Renaturierung von Flüssen vorgesehen, während der theoretische Bedarf bis 2050 bei 57 Milliarden Euro liegt. „Die Renaturierung kann nicht überall durchgeführt werden. Es müssen andere Wege gefunden werden, um die Wasserfauna wiederherzustellen“, stellt Charlène Descollonges fest.

Umdenken

Angesichts dieser Feststellungen schlägt die Hydrologin eine systemische Antwort vor, die sich auf drei Achsen stützt: Verlangsamung und Versickerung des Oberflächenwassers, Speicherung des Wassers im Boden und Untergrund, Diversifizierung der Vegetationsdecke und der aquatischen Lebensräume.

In Wäldern beispielsweise stösst das Konzept des „Schwammwaldes“ bei den Verwaltern auf immer grösseres Interesse. In der Landwirtschaft geht es darum, den Abfluss zu begrenzen, die Kulturen an das Relief und die Wasserwege anzupassen, Hecken anzupflanzen und die Böden lebendig zu halten. In städtischen Gebieten ist die „Schwammstadt” die Antwort auf die Herausforderung der Temperaturregulierung und des Umgangs mit starken Regenfällen.

Der Biber als Vorbild

Um den Zustand der Fliessgewässer zu verbessern, schlägt Charlène Descollonges vor, mit Bibern zusammenzuarbeiten oder deren Bauwerke nachzuahmen, bis sie zurückkehren. In den Vereinigten Staaten arbeiten bestimmte Regionen bereits seit mehr als 15 Jahren mit einer vom Biber inspirierten „Low-Tech”-Regeneration. Die Massnahmen sind wirksam und ermöglichen es den Flüssen, dank des ins Wasser zurückgebrachten Holzes wieder Sedimente und Biodiversität zu gewinnen.

„Die Herausforderung besteht heute darin, einen Dialog mit allen Beteiligten zu eröffnen, vom Landwirt bis zum Dammverwalter”, schliesst die Hydrologin. Eine Botschaft, die dazu einlädt, unsere Beziehung zum Wasser zu überdenken, nicht mehr als eine zu beherrschende Ressource, sondern als ein lebendiges System, das in seiner natürlichen Entwicklung begleitet werden muss.

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