Gletscher in Gefahr: Ihr Abschmelzen verändert unsere Berge ... und den Wasserkreislauf
Seit den 2000er Jahren sind 40 % der Gletschermasse in den Alpen verschwunden, davon 20 % allein in den letzten Jahren. Angesichts dieses massiven Rückgangs kamen Wissenschaftler, Energieerzeuger, Umweltschützer und Bergfachleute auf der BlueArk-Konferenz zusammen, um die Auswirkungen auf den Wasserkreislauf und die Zukunft unserer Alpengebiete zu diskutieren. An dieser vom Journalisten Julien von Roten moderierten Podiumsdiskussion nahmen Saskia Gindraux, Hydrologin am Crealp, Jonathan Fauriel, Leiter Civil Engineering and Environment bei Alpiq, Manon Salerno, Projektleiterin bei Asters und Mitglied des Projekts Ice & Life, sowie Mélanie Corthay, Bergführerin, teil.
Die Zahlen sprechen für sich, aber vor Ort wird die Realität am deutlichsten. «Wir sehen jedes Jahr Unterschiede, und diese sind exponentiell», berichtet Mélanie Corthay. Wo früher nur wenige Meter Eis verschwanden, schmelzen heute Hunderte von Metern. „Wir müssen unsere Routen überdenken: Gletscher, Wildbäche. Die Berge verändern sich schnell“, fährt die Bergführerin fort.
Dieser rasante Wandel der Alpenlandschaft wirft für Fachleute existenzielle Fragen auf. „Es ist beängstigend, und wir wissen nicht, was das für zukünftige Generationen in unserem Beruf bedeuten wird“, gesteht sie. In den Berghütten kommt das Thema in den Gesprächen zwischen den Bergführern immer wieder zur Sprache.
Eine sich schnell entwickelnde Artenvielfalt
Das Abschmelzen der Gletscher gibt zwar Anlass zur Sorge, eröffnet aber paradoxerweise auch den Weg für neue Ökosysteme. „Die Biodiversität etabliert sich sehr schnell in den Gebieten, in denen sich die Gletscher zurückziehen“, beobachtet Manon Salerno. Das Projekt Ice & Life, an dem sie mitwirkt, widmet sich der Erforschung und dem Schutz dieser neuartigen Prozesse, die in den kürzlich vom Eis befreiten Gebieten entstehen.
„Es entstehen neue Urwälder, die ohne den Einfluss des Menschen entstehen und sich frei entwickeln“, erklärt sie. Allmählich bilden sich Alpweidenwiesen und Feuchtgebiete, die Zufluchtsorte für Arten schaffen, die vor dem Druck des Menschen fliehen. Diese Ökosysteme sind jedoch nach wie vor äusserst empfindlich, da die Vegetation nur sehr langsam wächst und aktiver Schutz erforderlich ist.
Wasserkraft angesichts der Unsicherheit
Für die Produzenten von Wasserkraft stellen die Klimaprognosen eine grosse Herausforderung dar. „Die Gletscher werden weiter schmelzen, aber wie?“, fragt sich Jonathan Fauriel. Die Auswirkungen sind bereits sehr konkret, mit Produktionsverlusten, die je nach Einzugsgebiet auf 20 bis 30 % geschätzt werden, und einem früheren Einsetzen der Schmelze.
„Sicher ist nur, dass die Zukunft ungewiss ist“, räumt er ein. Wasserkraftwerke wurden nicht für diese neuen Gegebenheiten konzipiert, insbesondere nicht für die zunehmende Sedimentation. Aber es gibt auch Chancen, wie die Erhöhung bestimmter Staudämme oder die Entwicklung von CO2-neutralem Beton.
Die regulierende Rolle der Gletscher ist gefährdet
Saskia Gindraux erinnert an eine wesentliche Funktion der Gletscher: die eines Wasserreservoirs. „Die Funktion der Gletscher, regelmässig Wasser abzugeben, ist im Sommer, wenn es weniger Niederschläge gibt, am wichtigsten“, betont die Hydrologin. Der grösste Teil des Wassers in den Wildbächen stammt aus dem Schmelzen des Eises und unterirdischen Zuflüssen. Mit dem Verschwinden der Gletscher werden die Sommerabflüsse zurückgehen, was sich nicht nur auf die Stromerzeugung aus Wasserkraft, sondern auch auf die Trinkwasserressourcen auswirken wird. Im Winter sieht die Situation anders aus: Ohne Gletscherschmelze werden die Abflüsse der alpinen Flüsse in der kalten Jahreszeit drastisch zurückgehen.
Einziger Hebel: Emissionsreduzierung
Angesichts des Ausmasses der Herausforderung reichen oberflächliche Lösungen nicht aus. „Das Abdecken der Gletscher mit Planen ist in grossem Massstab nicht machbar und ökologisch unsinnig“, urteilt Saskia Gindraux. Für sie ist die Botschaft der Wissenschaft klar: Es gibt nur einen wirksamen Weg, das Abschmelzen zu begrenzen: die Reduzierung der Treibhausgase.
„Der Mensch ist die erste Spezies, der es gelungen ist, das Klima zu verändern“, erinnert sie. Zwar gab es in der Vergangenheit schon kältere und wärmere Perioden für die Gletscher, doch der derzeitige Temperaturanstieg ist in seiner Geschwindigkeit und seinem Ausmass beispiellos.
Lokal handeln, global schützen
Trotz dieses beunruhigenden Bildes betonen die Referenten die Fähigkeit zum Handeln und zur Anpassung. In Bourg-Saint-Maurice hat das Projekt Ice & Life eine vorbildliche lokale Mobilisierung ermöglicht. „Die Einwohner, insbesondere die Kinder, entscheiden, was sie mit dem Gletscher machen wollen”, erzählt Manon Salerno. Das Gebiet wurde unter Schutz gestellt, wobei die Skilifte teilweise abgebaut wurden, was das Ergebnis einer nationalen Dynamik ist.
„Entweder wir weinen oder wir passen uns an“, sagt Jonathan Fauriel und betont die aussergewöhnliche Anpassungsfähigkeit des Menschen. Die Wasserkraft muss sich in Richtung Multifunktionalität entwickeln und dabei das Management von Naturrisiken und den Erhalt der Biodiversität integrieren.
„Trotz allem schmilzt der Schnee, aber die Berge bleiben schön“, schliesst Mélanie Corthay mit vorsichtigem Optimismus. Für sie liegt die Lösung in einem persönlichen und kollektiven Bewusstsein: die Natur respektieren und an zukünftige Generationen denken. Eine Botschaft, die Manon Salerno aufgreift: „Wir vergessen, dass bestimmte Leben von diesen Ökosystemen abhängen.“ Die Stimme dieser neuen fragilen Lebensräume muss den politischen Entscheidungsträgern vermittelt werden, damit die Gletschergebiete endlich in der öffentlichen Politik berücksichtigt werden.
