Mikroverunreinigungen im Abwasser: wo steht die Schweiz angesichts dieser unsichtbaren Herausforderung?
Seit 2016 verschärft die Schweiz schrittweise ihre Gesetzgebung zu Mikroverunreinigungen im Abwasser. Michael Mattle, Leiter Abwassertechnik bei Holinger, gibt einen Überblick über die Fortschritte, technischen Herausforderungen und neuen Lösungen zum Schutz unserer Gewässer.
Heute behandeln 37 Schweizer Abwasserreinigungsanlagen (ARA) gezielt Mikroverunreinigungen und decken damit etwa 20 % der Bevölkerung ab. „Bis 2040 müssen etwa 140 ARA ausgestattet werden, was 65 bis 70 % der Einwohner betrifft“, erklärt Michael Mattle. Trotz dieser Bemühungen dürfte die Hälfte der 3.000 km langen Schweizer Gewässer im Jahr 2040 noch immer Grenzwerte überschreiten.
Heute werden hauptsächlich drei Technologien zur Behandlung eingesetzt:
- Oxidation mit Ozon
- Adsorption an Aktivkohle
- Kombinierte Behandlung mit Ozon und Aktivkohle
„Je grösser die ARA sind, desto geringer sind die Kosten pro Einwohner“, betont Michael Mattle. Einige Substanzen sind jedoch resistent: „Ozon spaltet viele Moleküle auf, aber die Kohlenstoff-Fluor-Bindung der PFAS ist zu stark. Diese Verbindungen sind wasserliebend und bleiben im Wasser bestehen.“
Eine Gesetzgebung im Wandel, zwischen Realismus und Ehrgeiz
Ein ursprünglicher parlamentarischer Antrag sah vor, alle Schweizer ARA gegen Mikroverunreinigungen auszurüsten. Die endgültige, gezieltere Fassung betrifft nur diejenigen, die nachweislich Überschreitungen in den Gewässern verursachen. „Wir betrachten die Emissionen: Wenn die Konzentrationen am Ausgang der Kläranlage die Grenzwerte einhalten, ist das akzeptabel“, erklärt Michael Mattle.
Die neue Verordnung, die derzeit in Vorbereitung ist, soll nach einer Konsultationsphase Ende 2025 im Jahr 2029 in Kraft treten. Dabei stellt sich jedoch ein Problem. «Einige bereits ausgestattete ARA werden mit einfacher Aktivkohle nicht den Normen entsprechen. Es muss eine kombinierte Behandlung hinzugefügt werden.» Schlimmer noch: Einige kleine ARA mit geringer Verdünnung (2–3 % Abwasser im Gewässer) müssen bis zu 98 % ihres Volumens behandeln – eine enorme technische und finanzielle Herausforderung.
Behandlung an der Quelle: ein vielversprechender, aber komplexer Ansatz
«Die Behandlung an der Quelle ist effizienter und kostengünstiger, hat aber ihre Grenzen», räumt Michael Mattle ein. In Zürich stammen 50 % der PFAS im Wasser aus ARA, doch ihre genaue Herkunft bleibt oft unklar: verschmutzte Böden, Industrieprodukte oder andere diffuse Quellen. Dennoch gibt es seit einigen Jahren konkrete Initiativen, wie beispielsweise einen Pilotversuch in einem Kantonsspital. Dabei wird die getrennte Sammlung von Urin (mithilfe von Beuteln, die an die Patienten verteilt werden) getestet, um zu verhindern, dass dieser in das Abwasser gelangt.
Ausserdem werden derzeit Schulungsinitiativen für Ärzte und Apotheker durchgeführt, um sie für problematische Medikamente zu sensibilisieren, die in ARA gelangen können. Schliesslich wird derzeit ein parlamentarischer Antrag diskutiert, der eine Verordnung für Medikamente mit nachgewiesenen Auswirkungen auf Gewässer vorsieht.
Diese Initiativen sind sinnvoll. «Denn leider wird das «End-of-Pipe»-System (Behandlung am Ende der Kette) nicht ausreichen, um das PFAS-Problem zu lösen.»
Was kann man gegen diese unsichtbare Herausforderung tun?
Zwischen ARA, Reduzierung an der Quelle und Regulierung macht die Schweiz Fortschritte, aber es ist noch ein langer Weg. «Wir werden nicht alles beseitigen können. Einige Substanzen sind resistent, und ihre Herkunft bleibt unklar», schlussfolgert Michael Mattle. Eines ist sicher: Die Zusammenarbeit zwischen Politikern, Industriellen und Wissenschaftlern wird entscheidend sein, um die Auswirkungen dieser Schadstoffe auf unsere Ökosysteme zu begrenzen.
Das Interview wurde während der BlueArk-Konferenz am 12. November 2025 in Le Châble geführt.
