Wasser – bald ein unverzichtbarer Indikator für jedes nachhaltige Gebäude?
Ist Wasser der grosse Stiefkind der Energiewende im Gebäudebereich? Diese Frage wurde im Rahmen des Webinars gestellt, das als Auftakt zur Messe WaterTech organisiert wurde, die diesen Herbst in Paris stattfindet. Drei französische Experten teilten ihre Analysen und Handlungsvorschläge mit. Auch wenn sich die angeführten Beispiele auf Frankreich beziehen, sind die Herausforderungen in der Schweiz dieselben: Unsere Gemeinden, unsere Liegenschaften und unsere Unternehmen stehen vor denselben Herausforderungen.
Die Parallele zwischen Wasser- und Energiemanagement taucht immer wieder auf. «15 Jahre lang haben wir die Kilowattstunde gesteuert, aber nicht den Kubikmeter», fasst Nicolas Buisson, Leiter des Geschäftsbereichs Dienstleistungssektor und Industrie bei ISTA France, zusammen. Ein historischer Rückstand, den Sébastien Chambinaud, Gründer des Labels Global Aqua Building, mit der Ölkrise von 1973 vergleicht. «Nach 1973 hat man begonnen, Gebäude zu isolieren. Genau dasselbe Phänomen beobachten wir heute beim Wasser. Es wird nicht richtig gemessen, verglichen und gesteuert.»
Warum dieser Rückstand? Für Jérémie Steininger, Generaldelegierter der ATEP, gibt es dafür zahlreiche Gründe. «Wasser ist im Verhältnis zu seiner Bedeutung nicht teuer genug. Hinzu kommt der Glaube an den Überfluss: Für viele ist es noch immer unvorstellbar, dass es einmal nicht mehr aus dem Wasserhahn fliessen wird. Und die Netze und Infrastrukturen sind unsichtbar, was es erschwert, dem Wasser einen Wert beizumessen.»
Weit höhere Kosten als der Preis pro Kubikmeter
«Die Kosten für Wasser entsprechen nicht dem tatsächlichen Preis des Wassers», betont Nicolas Buisson. «Hinzu kommen die Abwasserentsorgung, die Heizung, Betriebsunterbrüche und der Komfort der Nutzer. Wenn es Leckagen im Heizungswasser gibt, ist das eine doppelte Belastung: geringere Heizleistung und unnötig verbrauchtes Wasser.»
Sébastien Chambinaud pflichtet ihm bei. «Wasser ist oft unsichtbar, bis zu dem Tag, an dem es sehr teuer wird. Wenn Probleme auftreten, sind die Kosten nicht mehr dieselben.» Hotelgebäude sind ein gutes Beispiel dafür: Dort wird mehr Wasser verbraucht als zu Hause, und jede Störung wirkt sich direkt auf das Kundenerlebnis aus. Wasser spielt auch zunehmend eine Rolle bei den CSR-Kriterien von Unternehmen.
Langfristig geben die Preisaussichten Anlass zur Sorge. «Die Wasserpreise werden in den nächsten acht Jahren um 30 % steigen, in den Bergen oder in bestimmten ländlichen Gebieten sogar um 300 %», warnt Sébastien Chambinaud.
Wo soll man in einem Dienstleistungsgebäude anfangen?
Die Antwort der drei Referenten ist einstimmig: mit der Messung. «Der erste Schritt ist die Bestandsaufnahme und das Verständnis der Nutzungsmuster. Das geht nur über Wasserzähler», erklärt Nicolas Buisson. «Man muss genau das tun, was man bei Strom und Gas getan hat: die Nutzung über ein Sensornetzwerk erfassen, Risikobereiche identifizieren und anschliessend Verbrauchsprofile definieren.»
Ein Geschäftsgebäude sollte beispielsweise nachts kein Wasser verbrauchen. Diese Anomalie lässt sich jedoch anhand einer Monatsrechnung nicht erkennen: Es fehlt die Detailgenauigkeit der Daten. Sobald der Verbrauch genau verstanden ist, kann man Massnahmen ergreifen – sei es durch kleine Effizienzsteigerungen oder grössere Investitionen. Und im Idealfall geht es darum, die Anlagen miteinander kommunizieren zu lassen. «Wenn ein Sensor ein Leck feststellt, braucht es Alarme oder Magnetventile, die sich automatisch abschalten. Man kann nur auf das reagieren, was man weiss.»
Auf dem Weg zu einem Kreislaufsystem für Wasser im Gebäude
Über die reine Verbrauchsmessung hinaus plädiert Jérémie Steininger für einen ganzheitlicheren Ansatz. «Wir haben das Ende der hygienischen Sichtweise erreicht, bei der das Abwasser so schnell wie möglich abgeleitet wird. Im Zeitalter des Klimawandels müssen wir nun auf eine Wasserkreislaufwirtschaft hinarbeiten.»
Er beschreibt vier konkrete Handlungsebenen:
- Sparsamkeit durch Effizienz (sparsame Geräte, Trockentoiletten)
- Regenwasserbewirtschaftung auf dem Dach, die auch gegen Überschwemmungen hilft
- Aufbereitung und Wiederverwertung von Grauwasser für Toiletten, Bewässerung oder Wäsche
- Die Entversiegelung von Böden auf regionaler Ebene
Doch diese Lösungen stossen nach wie vor auf regulatorische Hindernisse. «Es ist ein bisschen wie damals, als man anfing, RJ45-Anschlüsse für das Internet zu installieren», veranschaulicht Jérémie Steininger. Die Bauvorschriften und die Sanierungsrichtlinien müssen sich weiterentwickeln. «Wasser wird im Vergleich zur Energie oft vernachlässigt. Wir müssen darüber hinausgehen und die Wasserwende in jedes Bau- oder Renovationsprojekt integrieren.»
Ein Thema, das an Bedeutung gewinnen wird
Die drei Referenten sind sich in einem Punkt einig: Die Wasserfrage im Bauwesen wird unumgänglich werden. Eine neue europäische Richtlinie ist in Vorbereitung, die Unternehmen zum Wassersparen verpflichten soll. Und das Verhalten der Nutzer könnte sich rasch ändern. «Die Menschen werden sich langfristig für wassersparende Gebäude entscheiden», prognostiziert Sébastien Chambinaud.
Für Jérémie Steininger ist die Dringlichkeit offensichtlich. «Wasser muss zum zentralen Thema des kommenden Jahrzehnts werden. Angesichts der Klimakrise müssen Lösungen, einschliesslich technologischer, umgesetzt werden können. Es geht auch um die Kommunikation, um der Bevölkerung die Bedeutung des Themas verständlich zu machen.» Eine Botschaft, die für Paris ebenso gilt wie für Genf, Zürich oder Sion.
Weitere Informationen
Das Interview fand am 1. Juli 2026 im Rahmen eines von der Messe WaterTech organisierten Webinars statt.
