Dürre in Europa: Warum es überrascht, dass wir überrascht sind
Europa erlebt derzeit eine historische Dürre mit extrem niedrigen Wasserständen und Hitzerekorden, von denen keine Region verschont bleibt. Für Bettina Schaefli, Professorin an der Universität Bern und eine der Expertinnen, die an der kommenden BlueArk-Konferenz im November mitwirken, ist das Überraschendste an dieser Entwicklung nicht ihre Intensität, sondern unsere eigene Überraschung. „Ich bin überrascht, dass wir überrascht sind, obwohl Klimaszenarien seit Jahren zeigen, dass solche Sommer zur neuen Normalität werden“, erklärt sie in einem aktuellen Blogbeitrag.
Die Bilder der historisch niedrigen Wasserstände am Rhein sind besorgniserregend, denn Europa ist stark auf diese wichtige Wasserstrasse angewiesen, die den Hafen von Rotterdam mit dem Hinterland verbindet. In vielen Regionen fehlt Wasser für die Bewässerung oder sogar für die Trinkwasserversorgung, und die Waldbrandgefahr ist hoch. Die Ökosysteme wiederum sind mit potenziell irreversiblen Schäden konfrontiert.
In der Schweiz, die als Wasserschloss Europas gilt, bleiben nur wenige alpine oder regulierte Fliessgewässer von diesen aussergewöhnlich niedrigen Abflüssen verschont. Wasser und Futter werden knapp, das Vieh wird früher von der Alp geholt, die Wasserkraftproduktion geht zurück und mehrere Gemeinden schränken bereits die Nutzung von Trinkwasser ein. Laut Bettina Schaefli kann sich fast niemand an eine vergleichbare Situation erinnern – ausser jenen, die den aussergewöhnlichen Sommer 1947 erlebt haben.
Eine Verkettung ungünstiger Faktoren
Die Analyse der Daten zeigt, dass das hydrologische Jahr 2025/2026 in der Schweiz zunächst nicht besonders trocken begonnen hatte. Doch die winterlichen Temperaturen begrenzten die Schneeakkumulation in den Bergen. Die bereits dünne Schneedecke schmolz im Frühjahr anschliessend sehr rasch, wodurch die Speisung der Fliessgewässer und die Grundwasserneubildung während der Schneeschmelze deutlich eingeschränkt wurden.
Das Niederschlagsdefizit setzte bereits zu Beginn der Vegetationsperiode, etwa im April, ein und brachte die weitere Grundwasserneubildung praktisch zum Erliegen. „Die aktuelle Dürre ist somit das Ergebnis einer Kombination aus winterlichem Schneedefizit, früher und intensiver Schneeschmelze, anhaltender Hitze und hoher Verdunstung bei bereits geschwächten Grundwasserreserven“, erklärt die Forscherin. Kurz gesagt: Alle natürlichen Wasserspeicher im Alpenraum – Schnee, Gletscher und Grundwasser – stehen gleichzeitig unter Druck.
Seit Langem bekannte Szenarien
Genau darin liegt das von Bettina Schaefli aufgezeigte Paradoxon: Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Dürre keineswegs überraschend. Klimaprojektionen zeigen seit Jahrzehnten, dass solche Sommer häufiger und intensiver werden. „Das Auffälligste an der Dürre von 2026 ist also nicht, dass sie beispiellos wäre, sondern dass wir sie trotz jahrzehntelanger Warnungen weiterhin als Überraschung behandeln“, schliesst sie.
Weiterführender Artikel: Vollständigen Blogbeitrag von Bettina Schaefli lesen – Hydrological Sciences (HS) Division der European Geosciences Union (EGU).
